Rituale

  • Hallo,


    aufgrund eines Todesfalles in der Familie sind mir ein paar Gedanken dazu gekommen, wie die entsprechenden Rituale in den verschiedenen Kirchen gelebt werden.


    Selbst bin ich römisch-katholisch und wenn jemand gestorben ist, dann wird vor der Beerdigung zweimal in der Kirche ein Rosenkranz gebetet. Die Beerdigung dann setzt sich aus Gottesdienst und Aussegnung mit Beisetzung auf dem Friedhof fort. Wie läuft das bei anderen Religionen ab?


    Mir ist auch ein Rätsel wie ein Rosenkranz abläuft, wenn kaum mehr Leute dazu in die Kirche kommen? Sitzen dann irgendwann nur noch die Angehörige in der Kirche?
    Ist das beten überhaupt notwendig für den verstorbenen? Würde es nicht ausreichen die zwei Tage bis zur Beisetzung zu warten und ihn dann in der Erde zu vergraben?


    viele Grüße sunrise

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  • Hallo Sunrise,


    bei den evangelischen Christen (was ich eine bin) wird ein Gottesdienst gehalten und danach erfolgt die Beisetzung. Bei uns Evangolen gibt es keinen Rosenkranz und auch keine Jahresgottesdienste für Verstorbene (gibt es - glaube ich - bei den Katholiken).


    Ich selbst lebe den christlichen Glauben, der aber um einige persönliche Überzeugungen (die wahrscheinlich nicht der gängigen Kirche zugeordnet werden dürfen) erweitert ist. Deshalb hier meine ganz persönliche Sicht:
    Für den Verstorbenen ist es sicherlich positiv, wenn ihn gute Wünsche begleiten. D. h. ja, ich bete, aber kein vorgefertigtes "christliches" Gebet (Rosenkranz, Vaterunser). Sondern ich bitte darum, dass er/sie sich gut von der Erde und seinen Angetrauten lösen kann, dass er verzeihen kann, und ich bitte die Engel, dass sie ihn auf seinem Weg "in den Himmel" begleiten und unterstützen. Außerdem bitte ich den Verstorbenen, mir zu verzeihen, wenn ich ihn in irgendeiner Weise verletzt haben sollte. Und ich wünsche ihm persönlich alles Gute.
    Menschen mit Nahtoderlebnissen bekommen sehr wohl mit, was ihre Mitmenschen über sie denken. Das berichten sie auf jede Fall. Und wer kann jetzt 100%ig sagen, dass endgültig Verstorbene dies nicht mehr mitbekommen.
    Aus alten Traditionen wird auch berichtet, dass eine Seele drei Tage braucht, die körperliche Hülle komplett zu verlassen und das "Band" zu zerschneiden. Von daher wäre eine Bestattung nach zwei Tagen vielleicht doch noch ein wenig zu früh. Früher hat man den Verstorbenen noch drei Tage in der Wohnung aufgebahrt, damit sich die Angehörigen bei ihm verabschieden können. Das könnte schon einen Grund gehabt haben.
    Ich denke, dass das Thema Tod zunehmends aus unserer Gesellschaft verdrängt wird. Ja, wir freuen uns, wenn ein neuer Mensch geboren wird. Aber wenn ein Mensch wieder zu "Allem-was-ist" zurückkehrt, wird schnell eine Decke des Schweigens, der Pietät und des "das-gehört-jetzt-nicht-mehr-zu-uns" darübergeschmissen. Schade irgendwie, aber das kann ja jeder für sich selbst entscheiden, wie er mit dem Tod umgeht.


    Liebe Grüße aus Oberbayern :winke:
    Deda :sonne:
    PS: Tolle Signatur hast Du da...

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  • Hallo sunrise,


    auch da mußt du wieder den geschichtlichen Kontext sehen.


    Die heidnischen und jüdischen Bräuche - Klageweiber, Kleidung zerreißen, Asche auf's Haupt etc. konnten im jungen Christentum nicht 1:1 übernommen werden, da andere Religionen den Tod als endgültiges Ende von allem sahen/sehen und demzufolge Trauer angebracht war/ist.
    Ein Christ müßte sich ja eigentlich freuen, wenn sein lieber Angehöriger das "Jammertal Leben" endlich hinter sich gebracht hat und nun nur noch warten muß, bis er am Jüngsten Tag zusammen mit allen anderen Gläubigen zum ewigen Leben erweckt wird. Weinen verboten...
    Nur...ist das menschliche Bedürfnis halt ein anderes.
    Und so entstanden die Gebetsriten. :hospital:


    Übrigens wird auch für Verstorbene ohne katholische Angehörige gebetet, wenn ein kirchliches Begräbnis stattfinden soll. Der Pfarrer ruft dann in seiner Gemeinde in den Gottesdiensten alle Besucher dazu auf.


    Grüßli, :winke:
    puzzle

    Worte sind nur Worte,
    und wo sie so gar leicht und behende dahin fahren, da sey auf deiner Huth,
    denn die Pferde, die den Wagen mit Gütern hinter sich haben,

    gehen langsameren Schritts.
    ~Matthias Claudius~

  • bei den evangelischen Christen (was ich eine bin) wird ein Gottesdienst gehalten und danach erfolgt die Beisetzung. Bei uns Evangolen gibt es keinen Rosenkranz und auch keine Jahresgottesdienste für Verstorbene (gibt es - glaube ich - bei den Katholiken).


    doch es ist der Ewigkeitssonntag. Der letzte Sonntag im Kirchenjahr. Es bleibt wenn ich es richtig gelesen habe, jedoch den Pfarrer überlassen ob die Namen verlesen werden. Wiki Ewigkeitssonntag


    gruß

  • Nur falls es wen interessiert... :)


    Der Brauch der Klageweiber hat eine Entsprechung in der kemetischen Religion und ist - was vielleicht paradox erscheinen mag - Teil von einem Ritus der Wiederbelebung ins ewige Leben. Die Klage hatte also nicht den Zweck seine eigene Trauer zu zelebrieren - was höchst unkemetisch, da nicht ma'atgerecht wäre - sondern ist ein "Geschenk" an den Verstorbenen.


    Die Klage geht zurück auf den Osiris-Mythos. Isis sucht laut klagend die Einzelteile ihres Gatten im ganzen Land zusammen, die Seth, sein Mörder dort verstreut hat. Dann beweint sie unter Klage seinen wieder zusammengefügten Leichnam und erfüllt damit seinen Leib mit einer neuen Seele (Ka), die seine Zerrissenheit wieder zusammenfügt und in das ewige Leben eintreten lässt. Die Tränen der Isis sind ein Sinnbild für ihre Liebe und für die belebende, den Tod überdauernde Kraft der Liebe an sich.


    Im kemetischen Totenkult ist diese Klage (zusammen mit Isis' Schwester Nephthys) noch heute Teil des Ritus um an diesen Mythos zu erinnern. Ich hab selten so ergreifende Zeilen gelesen...

    Einmal editiert, zuletzt von Sati ()

  • Ein Christ müßte sich ja eigentlich freuen, wenn sein lieber Angehöriger das "Jammertal Leben" endlich hinter sich gebracht hat und nun nur noch warten muß, bis er am Jüngsten Tag zusammen mit allen anderen Gläubigen zum ewigen Leben erweckt wird. Weinen verboten...

    nur haben wir nicht wirklich gelernt an die Auferstehung zu glauben. Zudem gehört dazu auch ein entsprechendes Leben gelebt zu haben (soweit ich mich erinnere).

    Sondern ich bitte darum, dass er/sie sich gut von der Erde und seinen Angetrauten lösen kann, dass er verzeihen kann, und ich bitte die Engel, dass sie ihn auf seinem Weg "in den Himmel" begleiten und unterstützen. Außerdem bitte ich den Verstorbenen, mir zu verzeihen, wenn ich ihn in irgendeiner Weise verletzt haben sollte. Und ich wünsche ihm persönlich alles Gute.


    Dies ist ein guter und wichtiger Hinweis. Habe ich erst letzte Woche überlegt, es wäre doch sinnvoll zu beten, dass derjenige mit seinem Leben abschließen kann, und somit von den Geräten befreit wird. Scheinbar hat dies demjenigen geholfen. Ich werde auch um obiges bitten, da der Verstorbene zwei zerstrittene Brüder hinterlässt.


    Also, ich fasse mal zusammen:
    Wenn jemand gestorben ist, würde es ausreichen im oben zitierten Sinne zu beten, ihn zwei Tage in Ruhe zu lassen, dass er am dritten Tage beerdigt werden kann. Am Grab können dann ein paar Worte gesprochen werden und man kann sich verabschieden (sofern man dies nicht schon vorher getan hat). Rosenkranz und Gottesdienst braucht es also gar nicht. Dies wird alles zur Loslösung für die Hinterbliebenen gebraucht. (Also ich kann bei meinen direkten Angehörigen darauf verzichten, jedenfalls dachte ich mir das damals als mein Vater gestorben war, oder wenn junge Menschen verstorben waren und ihre Angehörigen vor den vielen Menschen ans Grab treten mussten, weil das ja so Sitte ist.)


    Wie war das bei unseren Vorfahren, bei den Germanen zum Beispiel. Kennt sich hier jemand aus?


    viele Grüße sunrise

  • Ich finde Deda hat das sehr schön beschrieben.


    Bei uns hatten sich zuletzt die Todesfälle ja auch gehäuft und ich kann mich da nur anschließen.
    Auch ich habe gebetet, dass der Verstorbene den Weg ins Licht finden möge und die Engel und Erzengel, sowie bereits verstorbene Angehörige
    da sind um bei dem Übergang zu helfen.
    Auch ich sehe es so, dass die Toten einige Tage brauchen um in Gottes Reich einzuziehen. Meines Glaubens nach durchlaufen diese in den ersten
    Tagen nochmal ihr Leben um zu sehen was gut gelaufen ist und wo der Lernerfolg nicht gegeben war. Wie eine Art Resümee.


    Ich bete dann auch für die Angehörigen. Das sie Trost finden.


    Ich bin auch im evangelischen Glauben aufgezogen worden und hatte zu Kindeszeiten einen wundervollen Pfarrer der mich der Kirche auch etwas
    näher gebracht hat. Leider hab ich seitdem nicht wieder so einen gefunden. Zumeist werden Messen unpersönlich abgehalten und runter
    gerattert. Ganz schlimm in der katholischen Kirche. Mein Mann ist katholisch und von Zeit zu Zeit nehmen wir auch an diesen Messen Teil.


    Lg