Wandel ohne Loslassen

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    • Wandel ohne Loslassen

      Liebe Foris, liebe Mitleser,

      ich bin grad sehr berührt und mir ist ein ganz warmes Gefühl, weil ich heute etwas verstehen darf, was ich mein ganzes Leben gesucht, aber nie begriffen hab.
      Ich bin sehr dankbar um die Möglichkeiten der Unterstützung von drüben, weil: Da hat sich ein (für mich) uralter Knoten entwirrt.

      Wandel ohne Loslassen - und wie das geht...

      Ich bin ein Mensch, der zum Thema "Veränderung und Wandel" ein eher ambivalentes Verhältnis hat.

      Einerseits fühle ich mich nie lebendiger und mehr "bei mir" als in Zeiten großer Umbrüche. Nirgends spüre ich das Leben und meine eigene Lebendigkeit und Teilhaftigkeit daran so sehr wie da.

      Andererseits löst fast jede Veränderung (und auf jeden Fall jede plötzliche Veränderung) massive Ängste bei mir aus,, ob ich das wohl schaffe, damit umzugehen, ob die Veränderung wirklich besser ist undsoweiter.

      Das führt teilweise zu den absurdesten Situationen: Manchmal wart ich mit Änderungen viel zu lang, manchmal reagier ich vorschnell aus einem Gefühl von zorniigem Feststecken heraus - und schmeiß dann Dinge übern Haufen, die gar nicht weggeschmissen oder zerstört, sondern "nur" verändert gehören. (Was definitiv mehr Arbeit ist als solche Hau-Ruck-Aktionen).

      Je nachdem, wer mich wie wann erlebt, halten mich die einen für jemanden, die wild entschlossen alles ummodelt oder halt für jemanden, die sentimental ist und nicht loslassen kann.
      Ich weiß nicht, wieviele Leute mir in meinem Leben erzählt haben, dass ich irgendwas oder irgendwen "loslassen" soll, weil es vorbei ist.

      Vor ein paar Monaten hab ich einer Frau darauf gesagt, dass sie keine Ahnung hat, was sie da schwätzt, weil man (oder zumindest ich) Liebe nicht loslassen kann.
      Die hat das, glaub ich, bis heut nicht verstanden und kam mir dann mit dem üblichen Zeugs, dass ich bei mir bleiben soll, mich auuf mich konzentrieren soll, meine Energie für mich einsetzen soll, usw.,usf.
      Ich hab dann nichts mehr drauf gesagt, weil's eh nicht verstanden worden wär, bin mit einem Gemisch aus Zorn und Verzweiflung aus der Praxis raus und hab die Heilpraktikerin gewechselt.

      Das ist halt der übliche Kram von Freud noch: Jeder Mensch hat eine bestimmte Menge (Lebens)Energie (bei Freud dann die Libido) und in wichtigen Beziehungen (Partnerschaften, Freundschaften, etc). fließt die dann rein.
      Und wenn dann Menschen sterben oder sonstwie Trennungen passieren (Wandel), dann holt man sich seine Energie zurück, konzentriert die wieder auf sich, sein eigenes Leben und/oder neue Beziehungen.

      Soweit, so gesettelt, allein: Realität ist das, was außerhalb der Theorie passiert. ;)

      Und es werden mir vermutlich viele zustimmen, die einen geliebten Menschen verloren haben: Auch, wenn ich weiß, dass der Mensch nicht mehr da ist (im Sinne von physisch greifbar), bleibt er auf einer anderen Ebene doch da. Dazu braucht man kein Esoteriker zu sein.
      Ich hab als Jugendliche meine bis zum dem Zeitpunkt beste Freundin verloren. Natürlich hab ich gewusst, dass sie tot ist - und es auch akzeptiert, zumindest nach einer Weile. Auch wenn ich es furchtbar unfair fand, dass jemand mit 13 stirbt. Akzeptiert, ja.
      Aber losgelassen? Nein. Und natürlich ist das vorbei, das ist mir auch klar.
      Genauso, wie mit anderen Menschen das Miteinandersein vorbei ist.
      Aber ich hab immer gerätselt, was ich denn da bitte loslassen soll... Den Menschen? Der ist schon weg - und bleibt auf anderer Ebene dennoch da und nah.
      Gerade die Seele dieser Freundin hat mich sehr unterstützt bei, z.B. der Begleitung meiner Oma oder meines Onkels.
      Und die Liebe - oder die Freundschaft oder beides - kann ich nicht loslassen. Wie denn auch?

      Soll ich jetzt aufhören, jemanden zu lieben, nur weil die Person physisch weg ist?

      Oder nur, weil die Person mich nicht zurückliebt? Oder aus Angst vor Verletzungen sich dagegen entscheidet, das zu tun?

      Da, wo Angst ist, kann die Liebe nicht gespürt werden.
      Egal, ob es jetzt die Angst vor dem Tod ist, die uns dran hindern kann die Liebe und Kraft und den Segen vorangegangener Ahnen, Freunde oder Haustiere zu spüren.
      Oder die Angst vor Verletzung, die uns hindern kann, Konflikte zu überwinden.
      Oder die Angst vorm Alleinsein, die uns hindern kann, Liebe zu uns selbst oder anderen zu fühlen.

      Liebe braucht einen Ort, wo sie sein kann und geschützt ist. Egal, ob es die Liebe zw. Lebenden und Toten oder die Liebe zw. Leben ist.
      Angst lässt solche Orte nicht zu.

      Aber ich hab heute begriffen, dass mein Mißverständnis mit dem "Loslassen" in der Form gelegen hat.
      So ang ich die Form des Lebens (das Flußbett des Wassers samt Fließrichtung) bestimmen will, blockiere ich Wandel.
      Aber ich muß nicht das Wasser aus dem Fluß woanders hinleiten oder weniger oder anders lieben, nur wenn sich die Form ändert.

      Ich glaub, ich werd keinem mehr sagen: "Lass xyz los." Ich werd zukünftig sagen: "Find für die Liebe eine neue Form."
      Es geht nicht um Loslassen von Menschen und Dingen, im Sinne von "Das Gefühl loslassen, dass ich für diesen Menschen oder diese Sache habe". Ich kann verbunden bleiben (mit mir und dem Gefühl) und dennoch eine neue Form finden.
      Für mich ist das gerade eine ganz große Erleichterung, die mir, - glaub ich - auch helfen wird, nicht mehr so sehr an der Form und dem Wie hängen zu bleiben.
      Damit wird Wandel- für mich - viel leichter.

      Mit einem Lächeln,
      Kirsten
      Klarheit erschafft Form
      Form schafft Klarheit
    • Liebe Kirsten,

      danke für's Teilen deiner Gedanken und Erkenntnisse.

      Mir wurde beim Lesen bewusst, dass man (wie so oft) unterschiedliche Begriff je nach Erfahrungsgintergründen und gedanklichen Konzepten bevorzugt, obwohl man vermutlich ein und den selben Sachverhalt damit ausdrücken möchte.

      Wenn ich mich ganz auf das was du nach meinem Verständnis sagen möchtest, einlasse, gibt es nichts, was ich nicht zu 100 Prozent unterschreiben würde. Trotzdem verwende ich den Begriff 'loslassen' gerne, weil er nicht in Widerspruch zu meiner Ansicht über Gefühl und Liebe steht (ist in meiner Gedanken- und Erfahrungswelt nicht dasselbe)
      Liebe ist für mich ein Zustand des Einsseins mit allem was ist und die Basis des Daseins schlechthin. Es gibt Abstufungen, je nach dem, wie weit jemand seine Grenzen hier öffnen kann. Liebe zu einem Menschen bedeutet für mich, dass soweit als möglich alle Gefühle, die diese Liebe begrenzen, losgelassen worden sind. In diesem Sinne ist Loslassen für mich die Voraussetzung für Wandel. Gefühle wie Verlustängste, Eifersucht, bemuttern wollen u.v.m. sind für mich Anbindungen, Fixierungen, die das Fließen des Wassers beeinträchtigen. Loslassen bedeutet folglich für mich, wieder in Fluss zu kommen. Liebe ist für mich Wandel. Und loslassen der Weg, um von mein Wille geschehe (emotionale, mentale Fixierungen), hin zu dein Wille geschehe (Liebe = Wandel = Fluss) zu gelangen - bis es wieder lebendige Wirklichkeit geworden ist, dass die Trennung von mein und dein gar nicht existiert.

      Wenn ich also jemandem sagen würde "lasse los", meine ich nicht die Liebe (geht sowieso nicht), sondern die Anbindungen, die den Wandel hin zu einer offeneren, umfassenderen Liebe verhindern. Dies kann u. U. bedeuten, dass man getrennte Wege geht - und gerade dadurch mehr liebt als zuvor: sich selbst und den Anderen. Dadurch kommt man auf dem Weg Richtung Einheit, die zeitliche und räumliche Trennung nicht mehr tangiert, möglicherweise sogar zügiger voran....

      Also, wollte eigentlich nur sagen - ich bin der gleichen Ansicht, aber ich fasele es anders vor mich hin :denk: - du mich verstehe??? :blubber:

      :schmatz: Kerstin
      Und wir, die an steigendes Glück
      denken, empfänden die Führung,
      die uns beinah bestürzt,
      wenn ein Glückliches fällt.

      Rainer Maria Rilke, Duineser Elegien
    • Liebe Kerstin,

      Erdherz schrieb:

      danke für's Teilen deiner Gedanken und Erkenntnisse.
      Gerne.

      Erdherz schrieb:

      Mir wurde beim Lesen bewusst, dass man (wie so oft) unterschiedliche Begriff je nach Erfahrungsgintergründen und gedanklichen Konzepten bevorzugt, obwohl man vermutlich ein und den selben Sachverhalt damit ausdrücken möchte.
      Das weiß ich nicht. Also, dass unterschiedliche Menschen verschiedene Begriffe bevozugen, weiß ich schon. ;)
      Aber ob diese unterschiedlichen Menschen damit ein und denselben Sachverhalt ausdrücken möchten, das weiß ich nicht.
      Ich mache auch öfter die Erfahrung, dass Menschen selbst dann, wenn sie denselben Begriff verwenden, aneinander vorbeireden, weil sie etwas Verschiedenes darunter verstehen.
      Deshalb ist es mir, gerade in Zeiten von viel Polemik, persönlicher Diffamierung u. ähnlichen Dingen, wichtig, möglichst eindeutig zu kommunizieren und möglichst gut nachzuvollziehen, was mir jemand mitteilen möchte.

      Erdherz schrieb:

      Wenn ich mich ganz auf das was du nach meinem Verständnis sagen möchtest, einlasse, gibt es nichts, was ich nicht zu 100 Prozent unterschreiben würde.
      hm... was möchte ich denn nach Deinem Verständnis sagen?
      Die Frage ist völlig ernstgemeint - ich bin mir grad nämlich unsicher, ob es mir gelungen ist, das auszudrücken, was ich gerne ausdrücken wollte.

      Erdherz schrieb:

      Trotzdem verwende ich den Begriff 'loslassen' gerne, weil er nicht in Widerspruch zu meiner Ansicht über Gefühl und Liebe steht (ist in meiner Gedanken- und Erfahrungswelt nicht dasselbe)
      *nickt* Aber ich weiß gar nicht so genau, ob es das ist, was ich meinte...
      Weil sich das, was ich meinte, nicht auf Liebe bezieht, also nicht per se, sondern auf, hm, ja, Trauerprozesse.
      Ich habe in meinem Leben immer wieder mit Trauer zu tun, die durch Veränderungen (Wandel) ausgelöst wird.
      Das können Todesfälle sein, das können Dinge sein, die mit meinem körperlichen Gesundheitszustand zu tun haben, wo ich mich immer wieder auf "ein neues Normal" einzustellen hab, das können Jobwechsel sein, Ortswechsel, Veränderungen in wichtigen Beziehungen und Ähnliches.
      Diese Dinge werden mitunter durchaus von Neugier, fröhlicher Erwartung und Lebensfreude, aber auch immer wieder von Trauer um das, was war und nicht mehr so ist, wie es war, begleitet.
      Diese Trauer kann einerseits Würdigung sein und auch viel Kreativität und Anpassungsfähigkeit aktivieren, ja.
      Sie kann mich aber auch sehr erschöpfen und teilweise auch lähmen.
      So, dass nix mehr vor und nix mehr zurückgeht. Und das kann - leider- lange dauern, dieser Zustand, obwohl ich dann äußerlich immer noch arbeiten gehe und meinen Alltag irgendwie mache.
      Für andere kann ich dann auch noch handeln, nur für mich nicht.
      Wenn ich dann darüber gesprochen habe, hab ich sehr oft (auch bei Psychologen und HP psych. Leuten), so Sachen gehört wie, dass ich doch Loslassen soll.
      Die hatten keine Blaupause für den Umgang mit Trauer.
      Es geht nicht darum, alles wieder so werden zu lassen, wie es war. Darum ging es mir auch in solchen Phasen nie.
      Sondern es ging mir darum, wie und wo es für mich ein "neu weitermachen" geben kann, bei dem ich das Alte mitnehmen kann. Nicht als Gepäck oder Last, sondern als Bausubstanz für Neues, als Fundament quasi.
      Das haben die meisten nicht kapiert. Die haben meinen Wunsch, das Alte in das Neue mitnehmen zu können, als Festhalten interpretiert oder so, als ob ich nichts verändern wollte. Das stimmt aber nicht.
      Und nur weil ich nicht alles loslassen, alle Zelte abbrechen und radikal neu anfangen, sondern sichten, sortieren, mir Wichtiges bewahren und ins Neue einbauen (= integrieren) will, bin ich nicht "im Trauerprozess", "in der Leugnung" oder sowas Ähnlichem "steckengeblieben".
      Ich habe 2012 meine Oma verloren, zu der ich die engste Bindung hatte, die ich mit irgendeinem Familienmitglied habe. Enger als tzu meinen Eltern, z.B.
      Und ich hab vor allem im letzten Jahr durch schamanisches Arbeiten und andere Dinge erfahren, warum das so ist und dass ich diese Bindung so verändern kann (mit der Seele meiner Oma zusammen), dass sie immer noch sehr stärkend wirkt und niemanden an Weiterentwicklung hindert.
      Und ich glaube inzwischen, dass so etwas auch bei anderen Veränderungen möglich sein kann. Nicht "muss" oder "ist", aber sein kann.

      Was Du zum Thema Liebe schreibst, sehe ich in vielem ähnlich, aber nicht genau gleich.
      Nur merke ich, es ist mir da gar nicht so sehr um Liebe gegangen, als ich das schrieb. Sondern um den Abschied und den Umgang mit Trauer, die - zumindest bei mir, die ich Vertrautes gerne mag - in fast jedem Wandel (auch) mit drinsteckt.

      Erdherz schrieb:

      du mich verstehe???
      Teilweise ja, teilweise nein. Genug für Dich oder brauchst Du mehr Gleichklang?
      Herzlich,
      Kirsten
      Klarheit erschafft Form
      Form schafft Klarheit
    • Liebe Kirsten,

      nein, mir geht es nicht um Gleichklang. Ich habe auch nicht das Bedürfnis, immer alles erklären oder gar rechtfertigen zu müssen. Es geht mir nicht einmal mehr darum, mittels Worten unbedingt verstanden zu werden.
      So klar kann niemand kommunizieren, dass sich nicht doch Diskrepanzen durch individuelle Deutung ergeben (die überschreitet die Verstandesebene und bezieht den Erfahrungshorizont und deswegen auch emotionale Komponenten mit ein). Dann müssten wir uns ausschließlich auf wissenschaftlichem Niveau mit einer normierten Sprache verständigen - das wäre schrecklich.
      Wenn ich verzückt in Erinnerung vom ersten Kuss unter einem Baum erzähle, dann entgeht mir vielleicht, dass mein Gegenüber Schmerz empfindet, weil sein Kind mit dem Auto gegen einen Baum gefahren und gestorben ist. Worte allein bringen mir keine stimmige Kommunikation. Dennoch ist genau diese Stimmigkeit so entscheident für wirkliche Verständigung.
      Die gesamte Schöpfung ist Klang - in allen Kulturen hat man dafür Entsprechungen vom "OM" bis zum "Im Anfang war das Wort..." Mit diesem universellen "Klang" wieder übereinzustimmen, ist für mich Kommunikation in Vollendung - das ist meine Maxime und mein Ziel. Für dieses Ziel ist jeder Verstand - egal wie brilliant - viel zu klein. Verbindung entsteht erst, wenn Liebe, also Herzqualität aus Worten berührenden Klang werden lässt - soviel dazu.

      Wie ich dich verstanden habe?
      Ich versuche eben nicht, jedes Wort zu interpretieren, sondern auch auf den Klang im Hintergrund zu lauschen. Ich gebe dir einfach so ehrlich wie möglich meine Wahrnehmung wieder. Wenn ich dich falsch verstanden habe, dann kann ich mich eben auf deinen Klang nicht "einstimmen", was nicht schlimm wäre, genausowenig wie wenn du mich umgekehrt nicht verstehst - das ist halt auch Vielfalt, die ich respektiere.

      Du legst so viel Wert auf formgebundene (da steckt die Form drin) Verständigung. Ich habe einige Beiträge von dir gelesen, in denen ich Aussagen "formelhaft", im Sinne von "so isses" empfunden habe. Es wirkt dann hart auf mich, als ginge es darum, die eigene "Form" gegen irgendwelche Widerstände zu behaupten.
      In diesem Beitrag ist mein Eindruck, dass die Angst davor, die Form aufzugeben, sich nicht mehr so hart äußert. Du verwendest das Wort Liebe sehr häufig darin und es schreit mir regelrecht entgegen. Vielleicht habe ich mich deswegen vornehmlich darauf fokussiert.
      Bis vor kurzem hätte ich auch noch alles ausdiskutieren und analysieren wollen. Inzwischen ist mein Vertrauen in mich selbst, in meine Identität mit universeller Liebe, die für mich die gestaltende Kraft ist, gewachsen. Sie ist nicht nur das (Lebens-)Wasser, sondern jedes (sich ständig - nicht nur in Trauersituationen - wandelnde) Gefäß.
      Darin sah ich dann den gemeinsamen Nenner: die Form nicht mehr so arg bestimmen zu wollen, um den Wandel nicht zu blockieren, wie du schreibst, ist für mich der Weg, eben diese Form sich wieder in ihrer "flüssigen", ursprünglichen Schwingung - nämlich Liebe - immer wieder neu gestalten zu lassen. Das nimmt Angst und Trauer etwas von ihrer Macht.

      Herzliche Grüße
      Kerstin
      Und wir, die an steigendes Glück
      denken, empfänden die Führung,
      die uns beinah bestürzt,
      wenn ein Glückliches fällt.

      Rainer Maria Rilke, Duineser Elegien
    • Liebe Kerstin,

      Erdherz schrieb:

      Es geht mir nicht einmal mehr darum, mittels Worten unbedingt verstanden zu werden.
      Unter der Prämisse wird schriftliche Kommunikation (und was anderes ist in einem Forum ja nicht da) natürlich dann sehr schwierig, bis gegebenenfalls unmöglich.
      Selbstverständlich gibt es Formen der wortlosen, non-verbalen, zum Teil sogar ausschließlich energetischen Kommunikation.
      Es ist auf Seelenebene möglich, von Energie zu Energie zu kommunizieren - und dabei wesentlich schneller, wesentlich mehr Infos mit wesentlich weniger bis gar keinen Mißverständnissen zu übertragen.
      Aber das ist keine Forenkommunikation in Schriftform.
      Wenn ich einen Beitrag lese, dann kann das ja durchaus bei mir ein Gefühl oder eine energetische Reaktion/Antwort auslösen.
      Nur: wenn ich die nicht verbalisiere, wird der Threadersteller trotzdem nicht das Gefühl haben, ich hätte ihm/ihr geantwortet...
      Und dazu braucht's einfach noch Sprache- und die Verwendung von Sprache hat etwas mit Bewusstsein zu tun.
      Die Inhalte, deren ich mit bewusst bin, beeinflussen, wie ich kommuniziere.
      Und wie ich kommuniziere beeinflusst durchaus auch, was mir bewusst wird.

      Erdherz schrieb:

      Dennoch ist genau diese Stimmigkeit so entscheident für wirkliche Verständigung.
      Das sehe ich genauso. Für mich hat Stimmigkeit ganz viel mit Authentizität zu tun.
      Und mein Wunsch nach Klarheit ist mir deshalb so ein hoher Wert und ein großes Bedürfnis, weil ich ganz viel Chaos durch Unstimmigkeit und Unstimmigkeit durch Chaos erlebt hab.
      Ich bin mittlerweile überzeugt, dass Liebe klar ist und Klarheit aushält, auch sprachlich.
      Liebe kann das, die hält das aus. Liebe ist nicht immer lieb und harmonisch und nett.Liebe kann Klarheit aushalten. Und Klarheit verschönert die Liebe, weil sie ein Diamant ist, durch den die Liebe in all ihren Facetten hindurchfunkeln kann. Im Handeln und in der Sprache und vor allen Dingen auch in der Übereinstimmung zwischen Reden und Tun.

      Erdherz schrieb:

      Ich versuche eben nicht, jedes Wort zu interpretieren, sondern auch auf den Klang im Hintergrund zu lauschen. Ich gebe dir einfach so ehrlich wie möglich meine Wahrnehmung wieder.
      Das heißt, Du bewertest den Hintergrund höher als den Inhalt.
      Du versuchst nicht, die Botschaft und die Hintergrundschwingung zusammenzubringen, sondern sagst, Du gingest auf den dahinterliegenden Klang ein- ohne auf das, was jemand inhaltlich sagt, einzugehen. Durchaus interessant, für mich besteht Kommunikation allerdings auch aus dem Inhalt und nicht ausschließlich aus dem, was hinter den Worten liegt. Und für mich sind diese beiden Aspekte gleichberechtigt und gleich wichtig für Stimmigkeit.
      Konzentriere ich mich nur auf den Inhalt und laufe am Gefühl vorbei, findet keine Verständigung im Sinne auch von Verbindung statt und daher auch keine Entwicklung neuer Formen.
      Konzentriere ich mich nur auf die Verbindung und das Gefühl, hab ich vielleicht ein paar emotional sehr angenehme (weil sehr schön aufeinander eingeschwungene) Stunden verbracht, komme aber mit dem Wandel und der Entwicklung neuer Formen (sprich: dem integrierten Wie weiter machen) auch nicht weiter.

      Erdherz schrieb:

      Du legst so viel Wert auf formgebundene (da steckt die Form drin) Verständigung.
      Liebe Kerstin, in einem Forum kann ich nicht rein energetisch kommunizieren.
      Wer mich privat kennt, weiß, dass ich durchaus in der Lage bin, still dazusitzen und in den Raum oder das Dazwischen hinein zu horchen. Und wenn's sehr passig läuft, dann guckt man sich nach ner ganzen Weile genau im selben Moment an und sagt dasselbe, ohne das in irgendeiner Weise abgesprochen zu haben.
      Sowas passiert häufiger, mit unterschiedlichen Menschen.
      Wer mich kennt, weiß auch, dass man mit mir schweigen kann, ohne dass das unangenehm wäre.
      Aber Forenkommunikation ist verbale Kommunikation. Das liegt am Medium.

      Erdherz schrieb:

      Es wirkt dann hart auf mich,
      Ja, ich bin mitunter hart. Das ist eine meiner Eigenschaften, genauso wie Mitgefühl oder Humor.
      Ich werte das allerdings nicht.
      Es gibt sogar Situationen, in denen ich sehr froh darüber bin, hart sein zu können. Manchmal ist diese Härte sogar ein Ausdruck von Liebe.

      Erdherz schrieb:

      In diesem Beitrag ist mein Eindruck, dass die Angst davor, die Form aufzugeben, sich nicht mehr so hart äußert.

      Es ist halt wie bei allem: Es gibt ein Zuviel - und es gibt ein Zuwenig.
      Zu viel Härte macht starr, unnahbar, selbstgerecht, dogmatisch.
      Zu wenig Härte macht inkonsequent, instabil, nicht belastbar und konturlos (weil zu un-begrenzt).
      Klar geht's um die Mitte aus beidem - und ich will gar nicht behaupten, dass ich die immer gefunden hätte oder leben könnte.
      Aber ich finde Härte nicht "an sich" schlimm und auch nicht "an sich" gut.
      Kommt immer auf die Situation an.
      Also, ja, ich bin manchmal hart.
      Und es gibt mitunter Dinge, die diskutiere ich nicht. Da handele ich dann.
      Das finden manche auch hart.
      Das ist dann so.
      So lange ich die Konsequenzen meines "harten" Handelns tragen und verantworten kann, finde ich das völlig in Ordnung.

      Erdherz schrieb:

      In diesem Beitrag ist mein Eindruck, dass die Angst davor, die Form aufzugeben, sich nicht mehr so hart äußert.
      Es geht mir nicht darum, Form aufzugeben. Weder "die" Form, noch überhaupt eine Form.
      Es geht darum, mich zu wandeln und die Form zu wandeln, um neue Formen zu finden, in die ich das Gewesene integrieren kann, statt es "loslassen" zu sollen.

      Erdherz schrieb:

      Bis vor kurzem hätte ich auch noch alles ausdiskutieren und analysieren wollen.
      Klingt für mich so, als hättest Du bis vor kurzem Deinen Verstand über das Herz gestellt und würdest jetzt ins andere Extrem kippen und das Herz höher als den Verstand achten.

      Ich bin mein Leben lang damit beschäftigt, beide zu verbinden, Verstand und Herz, Analyse und Mitgefühl, Struktur und Hingabe, Klarheit und Sanftmut, Konsequenz und Wärme, Geradlinigkeit und Zartheit, Mut und Verständnis, Durchsetzungskraft und Geduld.

      Erdherz schrieb:

      eben diese Form sich wieder in ihrer "flüssigen", ursprünglichen Schwingung - nämlich Liebe - immer wieder neu gestalten zu lassen.
      Liebe Kerstin, auch "flüssig" ist ein Aggregatzustand - und insofern eine Form. ;) Die feste Form von Wasser wäre dann Eis und die gasförmige Dampf.

      Aber - und das ist das, was hinter dem Inhalt mitschwingt - ja, es geht mir schon darum, mich innerlich flexibel zu halten, damit Impulse wirken und Formen immer neu entstehen können,

      Erdherz schrieb:

      Das nimmt Angst und Trauer etwas von ihrer Macht.
      Warum sollte ich meinen Gefühlen (oder denen anderer) etwas von ihrer Macht nehmen wollen? Sehe ich keinen Grund für.
      Herzliche Grüße,
      Kirsten
      Klarheit erschafft Form
      Form schafft Klarheit

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Panther-Adler ()

    • Ihr lieben beide,

      ist vielleicht etwas oT,
      hat aber meiner Ansicht nach auch etwas mit "Wandel" und "Loslassen" und "Form" zu tun.

      ich lese eure Texte und habe das dringende Bedürfnis,
      euch einen kurzen Spruch Erich Kästners zu bedenken zu geben:

      "IN MEMORIAM MEMORIAE
      Die Erinn’rung ist eine mysteriöse
      Macht und bildet die Menschen um.
      Wer das, was schön war, vergißt, wird böse.
      Wer das, was schlimm war, vergißt, wird dumm."
      [Erich Kästner (*1899 - +1974) - Epigramme]



      Danke für eure Diskussion!

      AlteEule (°V°)
      (Ulla)
      Ich habe von tausend neuen Wegen geträumt. Ich bin aufgewacht und meinen weitergegangen.
      (Chinesisches Sprichwort)

      Ich bin der wichtigste Mensch für mich, denn: Ohne mich kann ich nicht leben!
    • Ihr Lieben,
      wir haben in unserer deutschen Sprache eine Vielfältigkeit ,Dingen oder Geschehnissen einen Ausdruck zu geben.
      Viele Worte sind negativ belegt aus jahrelangem Gebrauch für sich wiederholende Ereignisse.
      Dazu gehört auch, dass sich Gedanken in Gefühle wandeln.


      Für mich ist alles was mir geschieht ein "Annehmen" und ein "Akzeptieren".
      Nichts geschieht einfach so, es hat für mich immer ein Thema, dass ich in diesem Leben erfahren soll.
      Für mich geschieht Wandel immer mit "Annehmen" , denn der, oder die Menschen, die mit meinen jeweiligen Themen verbunden sind,
      haben auch einen Lebensweg mit vorgegebenen Erfahrungen und sind manchmal dazu bestimmt uns unsere Erfahrungen zu lehren.
      Mit....Mut und Vertrauen... als feste Partner stelle ich mich den Erfahrungen und nehme an , was für mich bestimmt ist.
      Vieles lässt sich lösen, einiges bleibt ungelöst, weil es so ist wie es ist und keine Lösung hat ,sondern nur ein "Annehmen"

      Eine tiefe Liebe, zu dem was ich erfahre trägt mich und Liebe lässt sich für mich nicht definieren.

      Liebe IST :heart:
    • Hier steht jetzt kurz und prägnant das, was ich mit diesem Thread hier ursprünglich sagen wollte:

      Das Hotel-Krankenhaus, das Sterben und ich

      Toshka hat das in ihrem Beitrag sehr viel kürzer und prägnanter hinbekommen, aber genau darum geht's.
      :winke:
      Klarheit erschafft Form
      Form schafft Klarheit

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Panther-Adler ()

    • Liebe Kirsten,

      ich lass mal einen dicken Gruß da und ein großes Danke für deinen Gedanken "Statt loslassen":

      Panther-Adler schrieb:

      "Find für die Liebe eine neue Form."
      DAS ist gelungenes "Loslassen". Ich nehme an, ich nehme in mein Herz, ich betrauere das Schlimme und feiere das Schöne und dann öffne ich mein Herz und meine Hände und lasse zu, dass die Form sich ändert. Ich lasse zu, den Wandel, das Unmögliche, das Unwissbare. Ich nehme die Raupe in meine Hände, in mein Herz, lache, weine, lache wieder, öffne Hände und mein Herz und lasse den Schmetterling fliegen.

      Danke dafür.
      Anke Birkenfrau
    • Liebe Anke Birkenfrau,

      genau das, genau so.

      Mit einer kleinen Ergänzung, die Verstorbene betrifft (ich habe das sowohl mit jener verstorbenen Freundin erlebt, als auch mit einigen - nicht allen - Familienangehörigen):

      Die Beziehung geht weiter. Die Liebe hört nicht auf, nur weil der eine jetzt "drüben" ist und der/die andere hier.

      Das heißt nicht, jetzt für alles gleich "die Toten zu befragen" (die nehmen mir schon keine meiner Entscheidungen ab- und das ist gut so!).

      Aber für mich heißt das schon durchaus, dass es eine Kommunikation zw. Lebenden und Gestorbenen gibt und geben kann.
      Sicher nicht mit jedem und sicher nicht als Zwang (wenn man mit jemandem zu Lebzeiten Schwierigkeiten hatte, muss man mit dem oder der keinen Austausch pflegen), aber für mich ist es schon so, dass in meiner persönlichen Wahrnehmung und in meiner Spiritualität die Toten jetzt auch einen anderen Platz haben und bekommen.
      Ich nehme sie wahr, ich nehme sie anders wahr als früher, sie kommunizieren auch anders mit mir und dieser Austausch hat durchaus auch konkrete Auswirkungen im Hier und Jetzt.
      Das bedeutet nicht, dass ich jetzt ständig irgendwen sehe oder höre (nein, ich bin nicht schizophren und ich kann steuern, wann ich offen bin und wann zu), aber sie sind mir näher als früher und das geschieht durchaus bewusster.
      Weniger die da und ich hier, sondern mehr: diie nichtmateriell, ich auch materiell und beides in Kommunikation. (Ich hab ja auch einen nichtmateriellen Anteil, bin ja nicht nur Körper, der hier rumwerkelt).
      Und dadrum ging's mir letzten Endes auch. Dieses Deutlichmachen, dass jemand nicht "weg" ist, nur, weil jemand tot ist.
      Die Person ist - natürlich - physisch weg, klar. Aber diese beiden Ebenen wirken viel, viel, viel mehr gegenseitig aufeinander ein, als mir jemals klar gewesen ist.
      Und das klarer zu machen, das auch erlebbar werden zu lassen für Menschen, das wird mir immer mehr ein anliegen, ohne dass ich jetzt schon wüßte, wie ich das umsetzen könnte.
      Aber ich bin aufgrund meiner eigenen Erlebnisse des vergangenen Jahres sicher, dass dieses Erleben trösten kann und helfen kann und sehr heilsam sein kann.
      Herzlichen Gruß,
      Kirsten
      Klarheit erschafft Form
      Form schafft Klarheit