Die Vorbestimmung und der freie Wille der Königstochter
Ihr Lieben, heute durchfuhr es mich, die Schriftstellerin in mir vorwitzte durch den sonntäglichen Nebel
Also habe ich Euch ein Märchen geschrieben.
Hier ist es.
Es handelt davon, wieso sich Vorbestimmung und freier Wille nicht gegenseitig ausschließen.
Viel Spass damit!
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1.
Es war einmal eine müde und erschöpfte Prinzessin.
Stundenlang hatte das Mahl gedauert, zu dem ihr Vater sämtliche Ritter des Reiches eingeladen hatte. Stundenlang hatte sie sich bemüht höflich und unterhaltsam, tugendhaft und anmutig zu sein.
Stundenlang sah sie sich genötigt, den Impuls einfach hinaus ins Freie zu stürmen zu unterdrücken und hatte stattdessen darauf geachtet ihre Füße sittsam geschlossen und den Rücken gerade zu halten.
Vor dem Mahl hatte sie den ganzen Tag lang die Dienerschaft beaufsichtigt und überwacht, die Arbeiten in der Küche kontrolliert und zig Vorbereitungen getroffen.
Seit dem plötzlichen Tod der Königin vor einem Jahr lag diese große Verantwortung alleine bei ihr.
Und nun war sie am Ende ihrer Kraft und Selbstbeherrschung.
Ausgelaugt sank sie auf das prunkvolle Himmelbett in ihrer Kemenate. Ihre Augen starrten mit halbgeschlossenen Lidern ins Leere, und ihre Gedanken schweiften ziellos umher.
„Ich bin sogar zu müde, mich auszukleiden!“ dachte sie mit einem Seufzer.
Während ihre Hand sich in Richtung des Klingelzuges bewegte, der die Zofe herbeirufen würde, erinnerte sie sich an diesen unbändigen Drang nach Luft und Natur, nach Weite und Freiheit, der sie das ganze Fest über nicht losgelassen hatte.
Mit einem Schlag fühlte sie, wie Kraft und Energie in ihren müden Körper strömte. Schon alleine die Vorstellung in der warmen Sommernacht durch den Park oder den weitläufigen Garten zu flanieren, den Sternenhimmel zu betrachten oder die heiße Hand in das kühle Wasser des Springbrunnens zu tauchen, ließ ihre Lebensgeister erwachen!
Also zog sie ihre Hand zurück und klingelte nicht nach der Zofe. Stattdessen streifte sie ihre Schuhe ab und schlich sich leise die Treppe hinab.
Sie öffnete vorsichtig die knarrende, schwere Tür die von der Küche in den Kräutergarten führte, und huschte flugs aus dem Licht der Wandlaterne hinein in das blaue Licht des Vollmondes, der rund und prall über den Weiden prangte.
Schnell hatte sie den Bereich des Gartens erreicht, der von der Burg aus nicht mehr einsehbar war und sie atmete erleichtert die würzige Nachtluft.
Die Prinzessin freute sich über das Gefühl des taufeuchten Grases unter ihren Fußsohlen, und wanderte langsam durch den parkartigen Garten den der Vollmond in ein verwunschenes Licht tauchte.
Vorsichtig lockerte sie ihr eng geschnürtes Mieder und atmete tief ein. Schließlich hatte sie den Brunnen erreicht und ließ sich auf seinem Rand nieder.
„Ich möchte diese Zwänge nicht mehr! Ich fühle mich wie in einem goldenen Käfig eingesperrt!“ dachte sie verzweifelt.
„Aber........ich sehe auch keinen Ausweg. Wo sollte ich wohl hin, was könnte ich wohl tun? Vater braucht mich, das Reich braucht mich! Es ist meine Pflicht, meine Vorbestimmung...“
Sie dachte an ihre verstorbene Mutter und heiße Tränen der Trauer rannen über ihr Gesicht.
2.
„Oh Mutter“, rief sie laut, „wäret Ihr doch noch unter uns! Ihr fehlt mir so sehr!“
Schließlich wusch sie sich das heiße Gesicht mit dem kühlen, süßen Wasser des Brunnens. Versonnen wanderte ihr Blick zu den Sternen. Ihre Trauer bahnte sich durch einen erstickten Ausruf:
„Mutter, seid Ihr da oben irgendwo?“
Die Stimme kam so laut und plötzlich, daß sie um ein Haar vom Brunnenrand gefallen wäre.
„Wie verzweifelt du bist, mein Kind! Beruhige dich! Ich bin doch hier!“
Die Prinzessin fuhr herum und was sie sah ließ sie an ihrem Verstand zweifeln!
Unter der alten Weide stand die Königin in Lebensgröße. Ihre Gestalt umwaberte ein goldenes, glitzerndes Licht und ihr Parfum, an das die Prinzessin sich so gut erinnern konnte, wehte durch die laue Sommernacht zu ihr hin.
„.........“ Ihre Stimme versagte ihr den Dienst. Das Herz schien in ihrem Hals zu klopfen und ein Rauschen in ihren Ohren ließ sie vorübergehend fast ertauben.
Schwebend näherte sich die Königin ein wenig, aber sie war definitiv nicht nah genug um die ausgestreckte Hand der Prinzessin zu erreichen.
„Mutter??“
„Mein süßes Kind, ja! Ich bin es. Ich bin gekommen um dir beizustehen, denn ich spürte deine Not! So beruhige dich doch! Alles ist gut.“
„Oh Mutter, wie kann das sein? Ich träume!“
„Nein Kind, du träumst mitnichten. In manchen Nächten sind die Tore zu den Dimiensionen nicht bewacht, und man kann hindurchschlüpfen. Sorge dich nicht, du bist stärker als du denkst!“
„Stark? Mutter, ich habe keine Kraft mehr, und ich lehne mich auf gegen dieses Schicksal. Ich bin eine schlechte Prinzessin, und eine noch schlechtere Nachfolgerin für Euch! Ich hadere mit meiner Bestimmung, und ich wollte, mein Wille wäre frei!“
Verschämt glitt ihr Blick zu Boden. Es war einer Prinzessin einfach nicht würdig sich gegen ihre Bestimmung derart aufzulehnen.
Die Königin lächelte.
„Dein Wille ist frei!“
„Oh Mutter nein, das ist er nicht. Ich diene dem Reich, ich bin..........eine Marionette meiner Bestimmung!“
„Kind, höre mir gut zu! Ich werde nun jemanden rufen, der dir zu erklären vermag, wieso deine Bestimmung nicht deinen freien Willen tangiert. Aber es ist wichtig, daß du dich entspannst, damit seine Worte auf fruchtbaren Boden fallen können!“
Die Prinzessin hob den Blick und sah, wie die Königin eine einladende Handbewegung in Richtung des Himmelsgewölbes machte. Plötzlich schien es, als ob sich die Sterne zusammenzogen und umeinander zu kreisen begannen, sie formierten sich langsam zu einer riesigen Gestalt. Mit einem süßen Klingeln wie von tausend Glöckchen rotierten sie in Wirbeln umeinander um schließlich wie in einem glitzernden Wasserfall zur Erde zu gleiten. Erstaunen machte sich im Antlitz der Königstochter breit, ihre Lippen öffneten sich und ihre Augen wurden immer größer, als die Sterne den Boden erreichten und sich aus ihnen ein wunderbar leuchtender Umriss eines Engels formte.
„Darf ich dir Hamenediel vorstellen? Er ist dein Schutzengel.“
3.
Demütig sank die Prinzessin vor der Erscheinung auf die Knie.
Eine warme und ruhige Stimme sagte: „Erhebe dich! Und höre!“
Dann begann der Engel mit seiner Erklärung, und die Königstochter lauschte ihm aufmerksam.
„Vorbestimmung und ein freier Wille sind keine Gegensätze!
Stell dir vor, dein Leben wäre ein Baum!
Die Wurzeln unter der Erde symbolisieren die Zeit im Mutterleib. Da wo der Trieb des Baumes durch die Erdkrume bricht, ist der Moment deiner Geburt.
Von diesem Punkt an gehst du durch dein Leben.
Die höchste Stelle des Baumes, der allerhöchste Ast ist der Augenblick in dem du die Dimensionen wieder wechseln wirst, der Moment deines leiblichen Todes.
Und nun stelle dir vor, du selbst bist ein Eichkätzlein. Der Baum ist dein Leben, innerhalb seiner Äste kannst du dich völlig frei bewegen. Die Aufgabe ist, vom Erdboden angefangen den Baum zu erklimmen, ihn zu „durchreisen“ bis zu seiner höchsten Stelle.
Was dir bestimmt ist, ist der Baum selbst. Die Äste, ihr Verlauf, ihre Verzweigungen und ob sie an bestimmten Stellen Dornen oder Blüten tragen. Dir ist bestimmt, dich nur im Rahmen dieses einen Baumes zu bewegen. Du kannst ihn nicht verlassen, denn das wäre als verließest du dein Leben. Die Ausnahme hier sind die Stellen an denen Äste anderer Bäume in den Bereich deines Baumes hineinragen.
Aber der Lebensweg, der Weg den du wählst um vom Stamm zur Krone zu gelangen, ist deiner freien Entscheidung überlassen. Es obliegt einzig deinem freien und unantastbaren Willen, welchen Ast du zu welcher Zeit hinaufkletterst.
Du kannst zurückklettern falls er sich als Sackgasse erweist, es steht dir völlig frei, welchen anderen Ast du an seiner Stelle wählen wirst.
Du kannst anderen Eichhörnchen einladen, ein Stück des Weges mit dir zu klettern. Denn viele andere Bäume (Leben) ragen mit ihren Ästen in deinen Baum hinein. Und jeder dieser Bäume ist das Leben eines anderen Individuums.
Beliebig lange darfst du an einem Punkt des Baumes verweilen, eine Pause machen, Kraft für den weiteren Aufstieg sammeln.
Im Rahmen deines Baumes, also deines Lebens, bist du völlig frei und dein eigener Herr!
Ganz alleine bei dir liegt die Entscheidung, ob du die Krone spielerisch erreichen möchtest, oder ob du angestrengt kletternd, ohne dir Fröhlichkeit und Entspannung zu gönnen, in einer Mammutreise den Weg des Baumes erklettern wirst.
Glaube mir, Du bist völlig frei in deinem Baum zu schalten und zu walten wie es dir beliebt! Das einzige was vorbestimmt ist, ist der Baum selbst. Aber die möglichen Wege zu seiner Krone, zur Vollendung deines Lebens, sind Legion! Dieser Baum ist so unglaublich weitläufig und mächtig, daß du niemals alle seine Äste und Zweige mit einem Blick erspähen kannst. Und nun suche dir deinen Weg zur Krone nach deinem Ermessen!“
4.
Kaum hatte der Engel zuende gesprochen, neigte er leicht den Kopf und Stern für Stern, Licht für Licht, löste er sich auf und schwebte zurück zu den Sternen.
Atemlos saß die Prinzessin auf dem Brunnenrand, und versuchte zu verstehen, was ihr da gesagt worden war.
„Kind, es wird Zeit für mich zu gehen. Sorge dich nicht, ich bin immer bei dir. Auch wenn du mich nicht immer sehen kannst, auch wenn ich kein unbewachtes Tor finde, um dich zu besuchen, so werde ich gegenwärtig sein. Du bist niemals alleine. Erinnere dich in schweren Stunden daran!“
Mit diesen Worten näherte sich die Königin ihrer vor Ehrfurcht und Rührung fast erstarrten Tocher, und legte ihr ein goldleuchtendes Medaillon um den zarten Hals.
Die Prinzessin schaute an sich hinab, um es zu betrachten. Als sie den Blick wieder hob, war die Königin verschwunden. Nichts erinnerte an das was hier geschehen war.
Ergriffen schloß die Prinzessin die Augen und hielt das Medaillon fest umklammert.
Als sie die Augen wieder öffnete, fand sie sich in ihrem Himmelbett wieder. Sie trug noch ihre Kleidung und ihre linke Hand hing entspannt unter dem Klingelzug, mit dem sie die Zofe hatte rufen wollen.
Ein Lächeln stahl sich auf ihre Züge.
„Mein Gott, was für ein wunderbarer Traum!“ dachte sie.
Erst da bemerkte sie das Medaillon, das ihre rechte Hand unverwandt umklammert hielt!
RE: Die Vorbestimmung und der freie Wille der Königstochter
Hallo Goldfee,
eine sehr schöne Geschichte.
Lieben Gruß Eifelmedusa
__________________ Nicht wissen, aber Wissen vortäuschen, ist eine Untugend. Wissen, aber sich dem Unwissenden gegenüber ebenbürtig verhalten, ist Weisheit
RE: Die Vorbestimmung und der freie Wille der Königstochter
Dankeschön, Ihr Lieben!
Der Vergleich des Lebens mit dem Baum ist etwas, das mir mein Schutzengel in einem Channeling mitteilte, als ich nachfragte wie es denn sein könne dass Vorbestimmung und freier Wille sich nicht widersprechen.
Ich freu mich sehr, wenn es Euch etwas gegeben hat!